"Spekulationsanleitung?"...

Veröffentlicht auf von Plappalardo

                    ...oder das goldene Erbschaftsmärchen

Man erbe Grund und Boden - ein bekanntes historisches Gut, zu welchem auch eine alte stillgelegte Traditionsbrauerei gehört. Zudem eine große funktionierende Landwirtschaft mit Landarbeiter und Verwalterehepaar und eine der größten Waldflächen im ganzen Gebiet nahe der Stadt. Alles noch dazu im Naherholungsgebiet. Wohngebäude, Herrschaftshaus, Wirtschaftsgebäude und alles was so dazu gehört, in gutem Zustand und außerdem unter Denkmalschutz. Dazugehörend auch eine alte Gaststätte, welche bestens von Gästen aus Nah und Fern besucht ist und von einem in der ganzen Umgebung beliebten Pächter geführt wird.

Nachdem man das Erbe übernommen hat, zeigt man sich nach außen überaus interessiert, alles so weiterführen zu wollen wie es bisher geführt war. Man muss natürlich bemüht sein, dies so zu zeigen, damit es auch von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Um seine Absicht auch öffentlich zu zeigen, versucht man am besten irgendeine Veränderung, Verschönerung oder Reparatur an einem beliebigen Objekt des Gutes durchzuführen. Das beste, es sollte etwas sein, das vielleicht weithin sichtbar wäre. Also ein Dach. Das höchste weitum sichtbare Gebäude ist die alte Brauerei an der sich schon erste Wandsprayer versucht haben, ja da könnte man das Dach erneuern. Das ist immer glaubhaft, denn ein dichtes Dach schützt auch die Substanz. Da die Liegenschaft ja auch unter Denkmalschutz steht, lässt man sich natürlich das neue Dach auch zum Teil vom Denkmalamt fördern. Damit wäre also der erste Schritt getan und eventuelle lästige Anrainer und die nahe Stadtbevölkerung wäre auch beruhigt, man sieht ja, dass "etwas geschieht" und Unkenrufe, dass die Erben womöglich mit dem Ererbten Grundstücksspekulationen betreiben könnten, sind verstummt.

Die Arbeiten sollten aber sehr langsam und zögerlich vor sich gehen, damit man auch in der Zwischenzeit Sondierungsgespräche mit "Immobilienfachleuten" führen kann. Nicht vergessen darf man in der Folge auch, eventuelle Mieter der Liegenschaft zu kündigen. Natürlich unter der Angabe alles neu renovieren zu wollen. Eventuell kann man auch mit großzügigen Geldabfertigungen nachhelfen. Dasselbe gilt natürlich auch dem Verwalterehepaar gegenüber.

Jetzt sollte man beginnen sich gemächlich Zeit zu lassen. Eventuell "langwierige" Planungen durchführen zu lassen, da ja alles doch unter Denkmalschutz steht und ein Teil der Liegenschaft auf Landschaftsschutzgebiet. Vielleicht auch von Zeit zu Zeit immer wieder Projekte vorzustellen die auch der Öffentlichkeit dienen könnten. Außerdem sollte man die Verzögerungen immer wieder damit erklären, dass man Sponsoren suche, da man ja zu wenig Eigenmittel hätte um großzügige Restaurierungen durchzuführen. Das bringt alles wieder Zeit um "Beteiligungsgesellschaften" zu gründen, die sich natürlich alle wieder aus den "verschiedensten Gründen" auflösen.Vielleicht könnte man bei diesen Gelegenheiten gönnerhaft verschiedene Nutzbarkeiten an der Liegenschaft der Stadt oder verschiedenen Gemeinden anbieten. Also immer um Kontakte bemüht sein. Kulturzentren wären auch gerade groß in Mode. Das bringt wiederum viel Zeit, da auch die Politik wie man weiß, sehr langsam ist und die Stadt und die Gemeinden ohnedies über zu wenig Geld verfügen um sich vielleicht an der Liegenschaft zu beteiligen. 

Nicht vergessen darf man natürlich auf keinen Fall dem Pächter der Gutseigenen Gaststätte den Pachtvertrag nicht zu verlängern. Damit wird es dann endgültig still auf dem einst so belebten Gut. Aus "Personalmangel" kann man dann auch die notwendigen, alltäglichen Erhaltungsarbeiten nicht mehr durchführen. Die ersten Spuren müssen sichtbar werden. Auch der Pflanzenwuchs sollte ein wenig um sich greifen und Wirkung entfalten. Alles andere ist dann schon Eigendynamik. Und wie man weiß, wenn Gebäude unbewohnt oder unbenützt sind, geht ein Verfall rasch einher. Und es wird nicht lange dauern, ist man schon gezwungen, Hinweisschilder die auf Gefahren hinweisen, anzubringen. Vielleicht wegen herab fallender Dachteile oder wegen Einsturzgefahren. Erste Wirtschaftsgebäude müssten ohnehin schon wegen Einsturzgefahr abgestützt werden. Ganz sicher wird die Zeit dann das übrige dazu tun. 

Mittlerweile ist das Anwesen bereits in öffentlicher Diskussion und es werden schon die ersten Spekulationsvorwürfe laut, die man natürlich entrüstet zurückweisen wird. Man sollte auch immer Wert darauf legen, so oft als möglich in den Medien erwähnt zu werden und man sollte dabei immer darauf achten, die positiven Stimmen auf sich zu vereinen. Natürlich auch immer möglichst in bedauernswerter Form, in der man immer Wert darauf legt ujnd zu erklären versucht, wie wichtig der Erhalt des Anwesens doch wäre, aber man selbst fast keine Möglichkeit mehr sähe das Erbe weiterhin zu erhalten. Denn auch das Denkmalamt pocht jetzt immer mehr auf die Instandhaltung und Renovierung der denkmalgeschützen Gebäude.

Jetzt kann man schon daran denken, eine besondere Strategie einzuschlagen. Nachdem ja in den letzten Jahren alle Ansuchen und Bescheide "negativ" ausgegeangen waren und man sich jetzt auf den letzten noch bewohnbaren Teil zurückziehen muss, kann jetzt doch verlangt werden, dass man Mitleid mit dem Erben haben müsste. Ist ihm doch immer alles per Bescheid abgelehnt worden. Ja selbst das Erbe verfällt nach und nach und ein Abbruch der Gebäude scheint die einzige Möglichkeit zu sein. Kommissionen überprüfen alle Gebäude und zu guter letzt kann auch das Denkmalamt keinen Einwand mehr erheben..., zu desolat sind die Gebäude durch den lang anhaltenden "Kampf" diese zu erhalten. 

Der Erbe kann sich nun getrost im einzigen bewohnbaren Teil, dem gut erhaltenen Herrschaftshaus, zurücklehnen und auf den amtlichen Abbruchbescheid warten. Dies wird zwar noch eine ganze Weile dauern, aber schließlich kann man die Wartezeit damit nützen, mit den verschiedensten "Immobilienspezialisten" zu verhandeln. Schließlich will man das Erbe nicht umsonst verwaltet haben und es gilt nach dem Abriss aller Gebäude alles gut zu planen. Vielleicht auch eine kleine Beteiligung auszuhandeln. Wellness - und Seminarhotel, Tennisplatz und Golfanlage mit Freizeitpark. Restaurants und Kaffeehaus. Vielleicht noch ein kleiner Borkenkäferbefall als Grund zur Rodung eines Teils des Waldes für ein "bescheidenes" Feriendorf. War da nicht noch eine Anfrage für ein mehrstöckiges...?

Ein Tourist aus dem Ausland, der wieder einmal nach Jahren in diese Gegend kam, stellte verwundert fest und fragte: "War da nicht einmal...?"... 

Ja es war einmal, so fangen eigentlich die meisten Märchen an und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch - und gut. Aber jede Ähnlichkeit mit bekannten Märchen wäre hier rein zufällig.                                                              

Werbung

Veröffentlicht in Wirtschaft

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post